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Susan Sontag



There is a good compassionate article about Susan Sontag in today?s Neues
Deutschland (daily, Berlin). It also mentions that she received the ?Peace
Prize of the German Book Publishers? last year (2003)
GK

xxxxxxx if you read German, here is the article xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

ND -  Eine Bürgerin der Literatur - 30.12.04
      Do, 30.12.04


Eine Bürgerin der Literatur Zum Tod der Schriftstellerin Susan Sontag

           Von Hans-Dieter Schütt

           Sie hatte etwas Sportliches, Legeres an sich, war scheinbar
immer,
           in überlegener Vorsicht und gediegener Gespanntheit, auf einen
Kampf
           vorbereitet. Elegant pantherhaft. Da kam stets das Feine durch,
das
           Gepflegte. So war sie schöne Frau und die Klischee-Verderberin
           zugleich. Auftritte nur im Schwarz der Existenzialisten. »Osama
bin
           Sontag« hat sie eine Zeitung nach dem 11. September 2001
genannt.
           Als Susan Sontag doch nur sagte, was sie schon 1966 anlässlich
           Vietnam gesagt hatte: »Der Eindruck von unserem Land wird
rechtens
           bestimmt von der Wahrnehmung amerikanischer Macht: von Amerika
als
           dem Erz-Imperium des Planeten, das die biologische und die
           historische Zukunft der Menschheit wie King Kong in seinen
Klauen
           hält.«
           Susan Sontag, 1933 in New York geboren, in Kalifornien
aufgewachsen,
           Schriftstellerin, Regisseurin, Filmemacherin. Mit Siebzehn
heiratete
           sie, wurde bald wieder geschieden, der Sohn blieb ihr. Erst mit
59
           Jahren kam sie zu literarischem Erfolg als Romanautorin (»Der
           Liebhaber des Vulkans«, später »In Amerika«). Weltbekannt jedoch
war
           sie beizeiten als Essayistin (»Über Fotografie«, »Krankheit als
           Metapher«, »Die Leiden anderer betrachten«). Der Theatermann
Ivan
           Nagel hat über sie gesprochen, als sie in Frankfurt (Main) den
           Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2003 erhielt. Er hob sie
als
           Vorbild für Denkende hervor, in diesem »ständig neuen Ansetzen
des
           Sehen- und Verstehenwollens«. Eine von vorn. Ein
Ortsverständnis,
           gesetzt gegen den Avantgardismus der festgezurrten Idee, des
           unerschütterlichen Standpunktes. »Was heißt: vorne sein? Es
heißt:
           Im eigenen Gehirn keine Decke, kein Schutzdach der Konvention
haben.
           Es heißt: Die geistigen oder politischen Dinge im noch Offenen
           sehen, ohne ihre Konsequenzen zu kennen.«
           Susan Sontags gesteigerte Klugheit erwuchs stets aus dieser
herben
           Leidenschaft, sich nicht festlegen zu lassen, nie dem letzten
Wort
           begegnen zu wollen, sich niemals geschützt in den eigenen
Ansichten
           zu bewegen. Weil sie nicht berechenbar und vorgefasst dachte,
blieb
           sie die Unzuverlässige, die Provokante, die mit ihren Essays
immer
           auch Kontroversen, Aggressionen hervorrief.
           So, wie ihr zu Hause sein nichts bedeutete (»ich kann mich
mitten
           auf einer Straßenkreuzung konzentrieren«); so, wie sie gern in
der
           Anonymität der Riesenstädte aufging; so, wie sie Monate lang
nicht
           in ihre New Yorker Wohnung zurückkehrte, sich irgendwo im
Unterwegs
           einrichtete ? so war sie nie eine Patriotin der frommen
nationalen
           Zugehörigkeit, ihr Pass war die Schrift, sie fühlte sich als
           »Bürgerin der Literatur, die ein internationales Bürgerrecht«
sei.
           Von daher ihre unbeirrte Aufenthaltsfreude just zwischen Amerika
und
           Europa, zwischen Links und Rechts. Wer sich jeweils heute auf
sie
           berief, fand sie schon morgen woanders.
           So, wie sie die Intelligenzfeindlichkeit der USA attackierte,
mit
           dem Blick einer stark von europäischer Literatur Geprägten, so
           attackierte sie Europa, dessen Wirtschaftsunion ihr als kalter
           Verrat an gutem altem Geist erschien. So, wie sie gegen
Washingtons
           Hegemoniewahn anschrie und anschrieb, so verbat sie sich jene
           europäische (deutsche!) Selbstgefälligkeit, denn immerhin musste
           erst alliierter Eingriff einem verrottenden Kontinent den
Frieden
           und die Demokratiefähigkeit zurückbringen. Denn: Einen Hitler
           brachte Amerika nicht hervor. So, wie sie den Irak-Krieg
ablehnte,
           so befürwortete sie den militärischen NATO-Eingriff auf dem
Balkan,
           inspiriert von der eigenen Erschütterung 1993 in Bosnien, wo
sie, in
           Sarajevo, Becketts »Warten auf Godot« inszeniert hatte. So, wie
sie
           nach Verhängung des Kriegsrechts 1982 in Polen Kommunismus und
           Faschismus gleichsetzte, so erhob sie ? Enkelin jüdischer
           Großeltern, die aus Osteuropa ausgewandert waren ? 2001
heftigste
           Vorwürfe gegen die israelische Politik in den
Palästinensergebieten,
           und das bei der Entgegennahme des Jerusalem-Preises. Immer in
           Frontstellung zum Erwarteten, immer am fleißigsten in der
Zerstörung
           des eigenen Bildes, immer den Kopf suchend, vor den man stoßen
kann.
           Ihr Versuch, vollkommen zu sein, bestand in der Annäherung an
die
           Fülle möglicher Betrachtungswinkel auf Welt und Mensch.
Vielleicht
           war ja dies das Amerikanischste an ihr: eine geradezu
euphorische
           Selbsterfindungslust, eine hochflexible Denkstruktur; der Kopf,
dies
           wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten ? um an der Welt zu
           verzweifeln und aus dem Sog des Zweifels an einem anderen Ufer
           wieder aufzutauchen.
           Beliebig kann man so etwas nicht nennen. Verwundet eher. Eine
           ehrlich Umherirrende im Wust der Dinge. Sie schlug schreibend um
           sich, oft hasserfüllt und also unverblümt emotional, weil sie
sich
           bedroht fühlte. Haltung kann wichtiger sein als ein Argument.
           Begabung als Fähigkeit, sich überwältigen zu lassen. Wer ihre
Texte
           liest, hat danach ein paar Schwierigkeiten. Mit dem allzu
brillanten
           Wort, das sich seiner Wirkung bewusst ist, ehe es noch aufs
Papier
           gelangt. Mit dem »Geleier der Nachrichten und dem Geplapper der
           Talkshows«, mit dem »hegemonialen Diskurs der Massenmedien«
sowieso.

           Als Susan Sontag im vergangenen Jahr den besagten deutschen
           Friedenspreis erhielt, so mag das auch unterschwellig wie ein
           hiesiger Versuch ausgesehen haben, sich am Rande weltpolitischer
           Differenzen mit Bush wieder mit einem liberal-kritischen Bild
           Amerikas zu versöhnen und eine europäisch-amerikanische
           Gleichgesinntheit der moralischen Energien zu bekräftigen.
Sontag
           hat es hingenommen wie jemand, der nichts wissen will von
           Verabredungen, und der doch weiß, wie sie in ihrer Dankesrede
sagte,
           dass er »nichts weiter ist als ein Bestandteil der
           Prominentenkultur«. Vor Jahren war sie, so das Magazin »Time«,
das
           »öffentliche Gewissen« Amerikas, mehr und mehr wurde sie eine
Stimme
           des Widerspruchs, an der man vor allem die Einsamkeit des Tons
           hervorhob. Resultat einer Entwicklung, die Sontag so beschrieb:
           »Nach dem Sieg der Ideologie des Konsums leben wir jetzt in
einem
           Zeitalter des kapitalistischen Triumphalismus, in dem das
           eigensüchtige Handeln den meisten Leuten völlig akzeptabel,
           selbstverständlich und vernünftig erscheint.«
           Mit vierzehn Jahren hatte sie gemeinsam mit einem Schulfreund in
Los
           Angeles bei Thomas Mann angerufen, es ging um einen Schulaufsatz
?
           und er lud sie tatsächlich zum Tee ein. Sie hat europäische
Dichter
           wie Benjamin, Canetti, Bernhard und Robert Walser übersetzt. Vor
           allem aber hat sie Bilder aus Europa gesehen. Fotos. Dachau.
           Bergen-Belsen. Die lebenslange Beschäftigung mit der Fotografie,
die
           bohrende Frage nach jener gefährlichen Herrschaft, die Bilder
über
           uns haben ? sie kommt wohl aus dieser Initialzündung, einen
fernen
           Krieg zum eigenen Schmerzpunkt zu erklären. So ist diese Autorin
           »europäisch« geworden. Unversöhnlich im Blick auf Kriege, ohne
           freilich Pazifistin werden zu können. Bohrend in ihrem
Interesse,
           hinter den Oberflächen von Bildern Erfahrung, Wirklichkeit zu
           finden. Das Leiden anderer zu betrachten und nach sich selber zu
           fragen.
           Am Dienstag starb Susan Sontag 71-jährig in New York. Krebs. Vor
           zwanzig Jahren befiel er sie, danach, wieder gesundet, schrieb
sie
           ihren großen Essay »Krankheit als Metapher«. Vom geprüften Ich
in
           den kranken Organismus der Welt. Nun kehrte die Krankheit
zurück.
           Keine Metapher. Das Todesurteil.
           (ND 30.12.04)



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