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Das erste Tribunal
- Subject: Das erste Tribunal
- From: cerebus@xxxxxxxxxxxxxxxxxx(Anna-Sabine, Ernst, Gerwin, Klinger)
- Date: Mon, 18 Dec 1995 07:28:13 +0000
Eine Anmerkungen zur Rezension von Wolfgang Haible: Das erste Tribunal. Das
Moskauer Parteiverfahren gegen Brandler, Thalheimer und Radek. Hrsg. von
Jens Becker, Theodor Bergmann und Alexander Watlin. Mainz: Decaton, 1993
Die Dokumente, die der Band vorstellt, fuegen der beklemmenden Geschichte
des Kommunismus weiteres Material hinzu. Diese Geschichte zu erforschen, zu
analysieren und zu begreifen, steht in der Tat an, will die Linke sie nicht
wie ihren eigenen Grabstein mit sich herumtragen. Dennoch faellt es schwer
die Aufgabe so anzunehmen, wie Wolfgang sie uns mit leninschen Sprachgestus
zuruft: >Was zu tun ist (!), ist das Studium der ganzen, bisher in Archive
und ins Verborgen-Verbotene verdraengten Geschichte des Kommunismus, seiner
wirklichen Geschichte und seiner Alternativen.< - Das ist sicher gut
gemeint - aber 'gut gemeint' ist oft das Gegenteil von 'gut'.
Was organisiert in Wolfgangs Rezension den Blick auf das historische
Material? Ein romantischer Dualismus von Gut und Boese: Auf der einen Seite
die 'verborgen-verbotenen Alternativen' des Kommunismus und ihre
verfolgten, ausgeschalteten und ermordeten Protagonisten. Das sind >alte
Spartakisten und erfahrene Gewerkschaftsfunktionaere<. Auf der anderen
Seite >Stalin und seine Fraktion", der die Parteien der kommunistische
Internationale mit Terror 'saeuberte'. Bis zu Krankheit und Tod von Lenin
war offenbar alles in Ordnung. Das legt die verstaendnisheischende
Formulierung zum Fraktionsverbot von Lenin nahe: "Das Verbot der
Fraktionierung (1921), in Russland in einer kritischen Situation
beschlossen und nicht fuer Dauer gedacht, diente schon nach kurzer Zeit der
herrschenden Parteifuehrung (nach Lenins Krankheit bzw. Tod) dazu,
missliebige bzw. konkurrierende Genossen zu disziplinieren." (Und wozu
diente Lenin das Fraktionsverbot - zur Entwicklung der Parteidemokratie
etwa?)
Die Herstellung der >ganzen<, der >wirklichen< Geschichte des Kommunismus,
so wie sie Wolfgang vorschwebt, will die den Saeuberungen zum Opfer
gefallen Teile hervorkehren. Sie sind in der Tat in ihr Recht zu setzen.
Aber bei Wolfgang geraet die Aufarbeitung der Geschichte zum Valium, das
den Geschichtsjammer lindern hilft. Nach dem Geschichtsbruch von 1989 liegt
in dem Blick auf die von Stalin abgetoeteten besseren Moeglichkeiten etwas
Troestliches. - Doch wer die >ganze< Geschichte des Kommunismus will muss
nicht nur nach der verdraengten, sondern auch nach den verdraengenden
Kraeften fragen. Scheidet sich diese Geschichte wirklich so einfach in den
guten Teil (Lenin) und in den schlechten Teil (Stalin), in schlechte, aber
aber herrschende Kraefte und in gute, aber unterdrueckte Kraefte?
Muessen wir uns nicht damit auseinandersetzen, dass das, was wir auf der
Gegenseite beim Boesen waehnen, uns viel naeher ist, als wir denken? Die
Logik, die zu Saeuberungen und Genickschuss fuehrte, ist bereits bei Lenin
angelegt, der als Theoretiker und Politiker mit der Kategorie der
Abweichung operierte. In >Notizen eines Publizisten< (1910) wird Abweichung
schon in die Metaphorik von gesund und krank gekleidet. Sein >Zehn Fragen
an den Referenten< (1908, gegen Bogdanow) haben, lange bevor der
Kommunismus Staatsgewalt innehatte, bereits den Habitus der Inquisition.
(Und so frage ich Dich, Thomas Haible, im Geist von Lenin: >Erkennst Du an,
dass die Philosophie des Marxismus der dialektische Materialismus ist?
Erkennst Du die von Engels vorgenomme grundlegende Einteilung der
philosophischen Systeme in Materialismus und Idealismus an? - Bekenne!) -
Ich erinnere auch an Rosa Luxemburg, die das Projekt von Lenin scharf
kritisiert, weil es die demokratische Linie vom Sozialismus abspaltet.
Abweichung - Revisionismus - Verrat: das ist die unheilige Dreifaltigkeit
der Parteigesinnung, die Lenin ins Werk setzte und die er sich gleich
verfluchte. Wie tief dieses Muster das politische und theoretische Denken
in der Linken bestimmt, konnten auf der letzten Berliner Volksuni
beobachtet werden. Dort rehabilitierten einige marxistische Intellektuelle
die Kategorie >Verrat< und >Verraeter<. >Widerliche Faelle von
Seitenwechslern< wurden gebrandmarkt, wobei der ostentativ zur Schau
getragene Ekel, mit dem das geschah, die Wuerde der Andersdenkenden
beschaedigte und sie moralisch schon zum Anspucken freigab.
I answer to the review of Thomas Haible. He is wrong. The desaster of the
communist didn't start with Stalin, it started with Lenin, operating in
theory and politics with the category >deviation<. There is a line going
from Lenin to Stalin: deviation - revisionism - treason - Moscow trials.
gk
--- from list marxism@xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx ---
------------------
- Thread context:
- Re: Socialist Labour Party (Militant editorial: 15/12/95), (continued)
- Re: KPD-O,
CEP Mon 18 Dec 1995, 08:15 GMT
- <Possible follow-up(s)>
- KPD-O,
Wolfgang Haible, Bibliothek Mon 18 Dec 1995, 09:05 GMT
- Das erste Tribunal,
Anna-Sabine, Ernst, Gerwin, Klinger Mon 18 Dec 1995, 07:28 GMT
- Re: Geistesadel & the ideological classes,
Anna-Sabine, Ernst, Gerwin, Klinger Mon 18 Dec 1995, 07:27 GMT
- Farewell Steve,
Chris, London Mon 18 Dec 1995, 07:25 GMT
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