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Women as reason for suicide



Junge Freiheit, May 2000



W O M E N  A S  R E A S O N  F O R  S U I C I D E



JULES MASSENET?S ?WERTHER? IN WUERZBURG; GERMANY

Die Bühnen in Würzburg gelten als Provinztheater - und teilen ihr
Schicksal mit vielen, vielen Kulturstätten in den kleineren Großstädten
Deutschlands. Nach Salzburg, Bayreuth und München schielen die süddeutschen
Opernkritiker - und übersehen dabei manchen Rohdiamanten. Vielleicht sollte man einfach
analytischer Vorgehen beim Vergleich der Theater: Inszenierung für
Inszenierung einander gegenüberstellen, schließlich Bühnenbild für Bühnenbild, Kostüm
für Kostüm, Gesangsleistung für Gesangsleistung. Dann könnte man sich
manche lange Reise an die Bayerische Staatsoper nach München (fast) sparen.

Beispiel Würzburg: Die Premiere von Massenets "Werther" im Mainfränkischen
Theater. Das Orchester unter Leitung von Jonathan Seers spielte
hervorragend, besonders die Streicher und die Holzbläser glänzten durch nuancierte
Klangfarben. Seine 53 Musiker kreierten die zwei Grundstimmungen der Oper -
tragische Leidenschaft und sittliches Pflichtgefühl - durch ein feinfühliges
Wechselspiel von aufgeregtem, dunklem Moll und ruhigem D-Dur. Das Dirigat von
Seers bräuchte einen Vergleich mit CD-Einspielungen nicht zu scheuen - weder
mit der neueren Aufnahme von Wladimir Jurovksi (BMG-Klassiks), noch mit den
legendären Schallplatten mit Alfredo Kraus, George Thill oder Iwan
Koslowski.

Einige Gesangsleistungen in Würzburg könnten sich bei den Salzburger
Festspielen durchaus sehen lassen. Gilbert Mata als Werther sang sehr feinfühlig
und differenziert. Sein Tenor schmetterte nicht kraftmeierisch Arien,
sondern er traf seine Rolle als sensibler, gebrochener Dichter, der insichgekehrt
von seinen Träumen und Emotionen singt (wenn auch etwas steif). Nur mit dem
französischen Sprechgesang (Rezitativ) tat er sich wie alle Sänger ein wenig
schwer, da fehlte es manchmal an Schmelz und Wärme.

Ebenso hervorragend war die Stimme von Ulrike Kobalz. Sie verkörperte
Charlotte, die Titelheldin und verheirate Frau, die auf Werthers
Liebesüberschwang reagiert und sich verzehrt. Ihr Mezzosopran wirkte gefühlvoll und
geschmeidig, ohne ins sentimentale abzugleiten.

Den tragischen Rahmen verließ nur der exzellente Kinderchor und die
unbeschwerte Sophie (Anja Kaesmacher), die mit bunten Blumen im Haar von der
Bühnendecke herabschwebte und sang: Alle Welt ist fröhlich ...das Glück liegt in
der Luft.

Trotz dieser positiven Einzelheiten gab es eine große Enttäuschung: Das
Würzburger Publikum. Mindestens 20 Prozent der Plätze blieben leer - und das
bei einer Premiere am Samstagabend, am besten Tag der Woche.

Na ja, könnten die nichtanwesenden Theaterliebhaber einwenden, warum muss
auch alles auf Französisch sein? Immerhin wurde bei der Weltpremiere 1892 in
Wien auf Deutsch gesungen. Erst Jahre später wurde "Werther" eine der
beliebtesten Opern in Frankreich. Dem wäre zu entgegnen: Erstens setzte das
Würzburger Theater erstmals Übertitel ein. Die deutsche Übersetzung war oberhalb
der Bühne zu lesen. Und zweitens spielt man in Würzburg zur Zeit "Die Leiden
des jungen Werthers" von Goethe - man kann sich also vorbereiten.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Goethes und Massenets "Werther".
Goethes Roman besteht aus lauter Briefen. Nehmen wir als Vergleich die
Inszenierung am Stadttheater Fürth: Da ist Goethes Werther ein jugendlicher
Charles Bukowski, ein anarchistischer Feuerkopf, ungehobelt, antiakademisch,
antibürgerlich und gleichzeitig gegen die unteren Klassen. Seine Leidenschaften
drängen Werther in eine Außenseiterposition, er zerschellt am Korsett aus
Konventionen und Rücksichten. Dagegen stellt Massenet die Frauen stärker in den
Mittelpunkt der Handlung. Eine Studie zur Geschichte der weiblichen Seele.

Oder liegen in Würzburg die Gründe für die Ablehnung tiefer? Vielleicht
verachten die Mainfranken ihre Meister, weil sie Angst vor dem unheimlichen
Thema Selbstmord haben? Jedenfalls zählt Unterfranken zu den Regionen mit
einer der höchsten Selbstmordraten in Deutschland. Oder ist das handlungsarme
Liebesdrama manchem Zeitgenossen einfach zu weltfremd, weil heutzutage das
heilige Sakrament der Ehe vielen nicht mehr allzu heilig ist? Oder zu kitschig,
zu sentimental? Die Mainfranken gelten als "rauhes, trockens Volk", meinte
eine junge Würzburgerin.

Gewiss kann man über Inszenierung und Bühnenbild geteilter Meinung sein
(die Spielleiter interessieren sich in ganz Deutschland nicht für die
Originalanweisungen): halbmodern, fast abstrakt-minimalistisch, mit angedeuteten
Häuserfassaden, schwarz-weiss und schiefwinklig. Aber auf jeden Fall schöner
als das hässliche Theatergebäude selbst - ein Produkt sozialdemokratischer
Städtebaupolitik der späten sechziger Jahre.
Werner Veith

Karten für das Mainfränkische Theater (Theaterstr. 21, 97070 Würzburg)
sind unter Tel. 0931 / 3908-124 sowie http//www.theaterwuerzburg.de erhältlich.
Karten für Goethes ?Die Leiden des jungen Werthers? gibt es im Fürther
Stadttheater (Königsstraße 116, 90762 Fürth) unter Tel. 0911 / 974 24 00.

© 28.05.00, Werner Veith, commmercial reprint welcome after written
permission (u/ab2000/Journal/WertherOL.doc)





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Werner Veith
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90763 Fürth
Tel. 0911/ 677330
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